Sichtbarkeit & Performance

Der Wettbewerb um Studierende wird digital entschieden

Warum digitale Sichtbarkeit kein Marketingthema mehr ist – und was Hochschulen tun müssen, bevor die nächste Bewerbungsphase beginnt.

Michael Koch

Im Wintersemester 2021/2022 erreichte die Zahl der Studierenden an deutschen Hochschulen mit knapp 2,95 Millionen ihren historischen Höchststand. Seitdem geht sie zurück. Im Wintersemester 2024/2025 waren es noch 2,87 Millionen – ein Minus von fast 80.000 Studierenden. Und das war erst der Anfang. Die Kultusministerkonferenz prognostiziert für 2025 und 2026 einen weiteren Rückgang der Studienanfängerzahlen auf bis zu 380.300 – mehr als sechs Prozent weniger als noch 2023. Ursache: Die G9-Umstellung führt in Bayern (2025), NRW und Schleswig-Holstein (2026) zum Wegfall kompletter Abiturjahrgänge. Allein in Bayern brechen 2025 über 50 Prozent der Studienberechtigten weg.

Der Markt schrumpft. Das bedeutet: Hochschulen, die bisher auf Zulauf gesetzt haben, treten ab sofort in einem direkten Wettbewerb um eine kleiner werdende Zielgruppe an. Und dieser Wettbewerb wird nicht auf Messen entschieden. Er wird nicht durch Hochglanzbroschüren gewonnen. Er wird digital entschieden – oder verloren.

Das Problem ist erkannt. Die Konsequenzen sind es noch nicht.

Viele Hochschulen investieren gerade in Webrelaunches, überarbeiten ihre Studiengangsseiten und schalten mehr Social-Media-Werbung. Das ist richtig. Aber es löst das eigentliche Problem nicht: Denn die meisten Hochschul-Websites sind Informationssysteme, keine Recruiting-Instrumente. Sie beantworten Verwaltungsfragen. Sie beschreiben Studienangebote. Sie erfüllen Pflichten. Aber sie führen niemanden zu einer Entscheidung.

Wer den digitalen Wettbewerb um Studierende gewinnen will, muss drei Dinge gleichzeitig richtigstellen: gefunden werden, überzeugen und den nächsten Schritt ermöglichen. Alle drei Punkte hängen zusammen. Keiner funktioniert ohne die anderen.

Wer nicht gefunden wird, existiert nicht

Die Studienentscheidung beginnt mit einer Suchanfrage. „Maschinenbau studieren Bayern." „Data Science Master ohne NC." „Duales Studium Logistik Stuttgart." Studieninteressierte suchen nicht nach Institutionen – sie suchen nach Lösungen für konkrete Fragen. Wer in diesem Moment nicht vorkommt, existiert für diese Person nicht.

Das klingt hart. Es ist aber die Realität einer Generation, die mit der Suchmaschine aufgewachsen ist und deren Informationssuche nicht bei der Hochschulmesse beginnt, sondern in Google, auf YouTube und in Peer-Gruppen auf WhatsApp oder Discord.

Das Problem vieler Hochschul-Websites ist struktureller Natur. Studiengangsseiten sind nach der internen Logik der Hochschule gebaut – nach Fachbereich, nach Prüfungsordnung, nach Organisationseinheit. Nicht nach der Suchlogik der Studieninteressierten. Eine Seite, die „B.Eng. Mechatronik (PO 2022)" heißt, wird von niemandem gesucht. Eine Seite, die auf die Frage „Mechatronik studieren – was verdient man danach?" ausgerichtet ist, hat eine Chance.

Suchmaschinenoptimierung für Hochschulen bedeutet nicht, irgendwo Keywords einzustreuen. Es bedeutet, die Informationsarchitektur der Website an den tatsächlichen Suchbedürfnissen der Zielgruppe auszurichten. Das setzt voraus, dass die Hochschule versteht, welche Fragen ihre Zielgruppen stellen – und welche davon bisher unbeantwortet bleiben.

Ein einfaches Diagnose-Instrument: Gib die relevanten Studiengangsbegriffe deiner Hochschule in die Google Search Console ein und schau dir an, für welche Suchanfragen die Seite überhaupt sichtbar ist – und wo sie steht. Viele Hochschulen werden feststellen, dass ihre eigenen Seiten für generische Studiengangsbegriffe nicht in den Top 20 auftauchen. Das bedeutet: Der erste Touchpoint mit der Zielgruppe findet nicht auf der eigenen Website statt – sondern auf Plattformen wie studieren.de, hochschulkompass.de oder dem CHE-Ranking der ZEIT, die die organischen Suchpositionen besetzen, die die Hochschule selbst hätte einnehmen können.

Das ist kein Google-Problem. Es ist ein Inhalts- und Strukturproblem. Und es ist lösbar.

Technische Grundlage ist dabei oft das unterschätzte Thema Performance. Seit März 2024 bewertet Google mit den aktualisierten Core Web Vitals (LCP, CLS, INP) die Ladegeschwindigkeit und Reaktionsfähigkeit von Websites als offiziellen Rankingfaktor. Viele Hochschul-CMS-Installationen, die historisch gewachsen, mit Plugins überladen und selten gecacht sind, fallen bei diesen Metriken durch. Der Zusammenhang ist direkt: Eine langsame Website rankt schlechter, wird seltener gefunden, und verliert Besucher, die abspringen, bevor sie überhaupt einen Studiengang gelesen haben.

Gefunden werden reicht nicht

Angenommen, eine Studieninteressierte landet auf der Studiengangsseite. Was passiert dann?

In den meisten Fällen: Sie liest eine Liste von Modulen, einen Hinweis auf die Zulassungsvoraussetzungen und einen Link zur Studienordnung. Sie findet keinen Grund zu bleiben. Sie sieht nicht, was dieser Studiengang konkret aus ihr machen wird. Sie weiß nicht, was sie als nächstes tun soll. Sie geht.

Das ist kein Inhaltsproblem. Es ist ein Konzeptproblem. Die Studiengangsseite wurde gebaut, um zu informieren. Nicht, um zu überzeugen. Nicht, um zu konvertieren.

Die Konversionlogik, die im E-Commerce selbstverständlich ist – klare Nutzenversprechen, soziale Beweise, eindeutige Handlungsaufforderungen – ist auf den meisten Hochschul-Websites inexistent. Das liegt nicht daran, dass Hochschulen diese Instrumente nicht kennen. Es liegt daran, dass niemand die Studiengangsseite als das denkt, was sie eigentlich ist: die wichtigste Landing Page im gesamten Recruiting-Prozess.

Eine Studiengangsseite, die als Recruiting-Instrument funktioniert, beantwortet fünf Fragen:

Was ist das Versprechen? Nicht „Sie lernen Grundlagen der BWL", sondern: „Sie sind nach dem Studium in der Lage, mittelständische Unternehmen zu strategischen Entscheidungen zu beraten – mit einem direkten Einstiegsgehalt von durchschnittlich 42.000 Euro."

Wer studiert das bereits – und wie klingt das in echten Worten? Kein Imagefilm der Hochschule. Ein 90-sekündiges Video, in dem ein Studierender im dritten Semester erklärt, warum er sich für diesen Studiengang entschieden hat – und was ihn überrascht hat. Das erzeugt Vertrauen. Keine PR-Sprache.

Was unterscheidet diesen Studiengang von dem der Konkurrenz? Eine schwierige Frage, die viele Hochschulen lieber umgehen. Aber genau diese Frage stellen Studieninteressierte. Wer keine Antwort hat, verliert.

Was passiert danach? Karrierepfade, Alumni-Beispiele, Praxispartner, durchschnittliche Einstiegsgehälter nach Abschluss. Das sind Entscheidungsargumente – insbesondere für Masterstudierende und internationale Bewerberinnen und Bewerber, die rational vergleichen.

Was ist der nächste Schritt? Ein Bewerbungslink ohne Kontext ist keine Handlungsaufforderung. „Jetzt zum nächsten Infoabend anmelden" oder „Beratungsgespräch vereinbaren" sind es. Der Unterschied: Das eine öffnet eine Tür, das andere zeigt, wo der Türgriff ist.

Hochschulen, die ihre Studiengangsseiten nach dieser Logik aufbauen, werden feststellen, dass sie nicht mehr Besucher brauchen – sondern besser qualifizierte Besucher, die aus dem Besuch eine Handlung machen. Das ist die eigentliche Währung.

Das Zusammenspiel: Marke, Website, Kampagne

Der häufigste Fehler im digitalen Hochschulmarketing ist Sequentialität: Erst die Website launchen. Dann überlegen, welche Kampagne man fahren möchte. Dann feststellen, dass die Website für die Kampagnenziele nicht gebaut ist. Von vorne anfangen.

Sichtbarkeit, Conversion und Marke sind kein Dreischritt. Sie sind ein System. Sie müssen gleichzeitig gedacht werden.

Was bedeutet das konkret? Eine SEO-Strategie, die Studieninteressierte auf eine Seite bringt, die keine Botschaft hat, verbrennt Budget. Eine Social-Media-Kampagne, die Neugier weckt, aber auf eine Studiengangsseite verlinkt, die nach Prüfungsordnung aufgebaut ist, bricht Conversion ab. Und ein starkes Markenversprechen, das nirgendwo in der Website-Textur wieder auftaucht, bleibt ein Slogan – kein Erlebnis.

Die Verbindung zwischen diesen drei Ebenen ist das Markenprofil. Es definiert, mit welcher Haltung die Hochschule spricht. Mit welchem visuellen System. Mit welchen Versprechen. Und es gilt für jede Seite gleichermaßen: für die Startseite, für die Studiengangsseite, für die Bewerbungsseite, für den Instagram-Post.

Viele Hochschulen haben ein Corporate Design. Nur wenige haben eine konsistente Markenstimme, die über alle digitalen Touchpoints hinweg erkennbar ist. Das CHE-Hochschulranking zeigt es indirekt: Hochschulen, die in der Studierendenbefragung bei „allgemeine Studiensituation" besonders gut abschneiden, sind häufig jene, die intern eine klare Vorstellung davon haben, wofür sie stehen – und die das nach außen kohärent kommunizieren.

Die praktische Konsequenz: Bevor eine Kampagne geplant wird, muss die Frage beantwortet sein, auf welche Aussage diese Kampagne einzahlt. Und diese Aussage muss auf der Landing Page, die die Kampagne bespielt, in der ersten Bildschirmhälfte erkennbar sein.

Was jetzt zu tun ist

Der Rückgang der Studienanfängerzahlen 2025 und 2026 ist kein Argument für Abwarten. Er ist ein Argument für konkretes Handeln, bevor der nächste Bewerbungszyklus beginnt.

Drei Maßnahmen, die sofort möglich sind:

Sichtbarkeitsdiagnose der eigenen Website. Google Search Console einrichten (falls noch nicht geschehen), relevante Studiengangsbegriffe analysieren, Top-10-Seiten nach organischem Traffic identifizieren und prüfen, ob diese Seiten die Fragen beantworten, die Studieninteressierte tatsächlich stellen. Das dauert einen Tag und liefert konkrete Ergebnisse.

Eine Studiengangsseite als Pilotprojekt neu konzipieren. Nicht alle auf einmal. Einen Studiengang wählen, bei dem Nachfrage und Positionierung gut passen. Diese Seite nach der Recruiting-Logik aufbauen: Versprechen, Beweise, Differenzierung, nächster Schritt. Performancedaten auswerten. Dann skalieren.

Marke und Kampagne vor dem Start ausrichten. Keine Kampagne beginnen, bevor klar ist, auf welches Versprechen sie einzahlt und wohin sie führt. Eine Landing Page, die nicht für die Kampagne gebaut ist, kostet mehr als sie einbringt.

Der Wettbewerb um Studierende ist kein vorübergehendes Phänomen. Er ist die neue Normalität. Hochschulen, die jetzt investieren, werden in zwei Jahren eine messbar andere Position haben als jene, die auf bessere Zeiten warten.

Die besseren Zeiten kommen nicht. Die bessere Position muss erarbeitet werden.


Quellen:

1. Studierendenzahl Höchststand WS 2021/22: 2.946.100 → Statistisches Bundesamt (Destatis)
https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/11/PD24_447_21.html

2. Studierendenzahl WS 2024/25: 2.871.600 → Statistisches Bundesamt (Destatis), Pressemitteilung November 2024
https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/11/PD24_447_21.html

3. KMK-Prognose: Rückgang Studienanfänger 2025/26 auf bis zu 380.300 (–6 % vs. 2023) → Kultusministerkonferenz (KMK), Vorausberechnung 2024–2035, September 2025
https://www.kmk.org/aktuelles/artikelansicht/kurzfristiger-rueckgang-langfristiger-aufschwung-studienanfaengerzahlen-sollen-ab-2027-deutlich-steigen.html

4. G9-Umstellung: Bayern –51 % Studienberechtigte 2025 → Statistisches Bundesamt (Destatis), Februar 2026
https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/02/PD26_063_21.html

5. Core Web Vitals: Nur 54,6 % der Websites bestehen den Test (Stand November 2025) → Chrome UX Report, zitiert in: SE Ranking Blog, 2025
https://seranking.com/de/blog/seo-statistiken/

Michael Koch

Michael Koch

Hochschulen digital voranbringen — mit Fokus auf das, was wirklich zählt.

Der Autor

Kurzbeschreibung

Hochschul-Websites, die wirklich funktionieren. Ich helfe öffentlichen Institutionen, digitale Plattformen zu schaffen, die Nutzer abholen — nicht überfordern. 18 Jahre Erfahrung, klarer Fokus: Nutzerakzeptanz statt Feature-Overload.

Expertise

Agiles Projektmanagement • Requirements Engineering • UX-Design • TYPO3

Themenfelder

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Info

Neben gemeinsamen Projekten fördern wir den fachlichen Austausch innerhalb der Branche durch Autorenbeiträge, Einblicke und praxisnahe Inhalte aus unserem Netzwerk. So bilden wir eine unabhängige Plattform für Wissen, Erfahrung und Innovation in der Universitäts- und Hochschulkommunikation.

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