Strategie & Identität

Stakeholder- und Projektmanagement

Nicht die Idee ist das Problem. Der Prozess ist es. Warum Marken- und Designprozesse an Hochschulen gute Führung brauchen

Foto von UX Indonesia auf Unsplash

Philipp Zwingel

Wenn Hochschulen an ihrer Marke arbeiten, wird erstaunlich oft zuerst über Ergebnisse gesprochen. Über ein neues Erscheinungsbild. Über einen Claim. Über ein Leitbild. Über die Frage, wie die Institution künftig konsistenter, moderner oder sichtbarer auftreten soll.

Das ist verständlich. Schließlich soll am Ende etwas entstehen, das man sehen kann.

Und doch liegt genau hier ein häufiger Denkfehler. Denn in Hochschulen entscheidet sich die Qualität eines Markenstrategie- oder Corporate-Design-Prozesses nicht erst im Ergebnis, sondern sehr viel früher. Nämlich in der Frage, wie der Weg dorthin angelegt ist. Wer eingebunden wird. Wer Orientierung gibt. Wer mitentscheidet. Und ob aus vielen Perspektiven überhaupt ein tragfähiges gemeinsames Ergebnis werden kann.

Gerade im Hochschulkontext ist das keine operative Nebensache. Hochschulen bewegen sich seit langem in einem Umfeld von Profilbildung, Wettbewerb und Transparenz. Die HRK hat diesen Zusammenhang ausdrücklich benannt. Gleichzeitig zeigt sich auch an den Angeboten von CHE und Hochschulforum Digitalisierung, dass Projekt-, Governance- und Change-Fragen an Hochschulen längst nicht mehr als Randthemen behandelt werden, sondern als eigener Erfolgsfaktor für hochschulweite Veränderungsvorhaben.

Ein Markenprozess ist an Hochschulen nie nur ein Kreativprozess

In Unternehmen lassen sich Marken- und Designprojekte oft deutlich linearer organisieren. Die Zuständigkeiten sind klarer, die Entscheidungswege kürzer, die Freigabelogik eindeutiger.

An Hochschulen ist das anders.

Denn hier geht es fast nie nur um Gestaltung. Es geht um Identität. Um Sichtbarkeit. Um Zugehörigkeit. Um die Frage, wie stark die Dachmarke sein soll und wie viel Eigenständigkeit Fakultäten, Institute, Zentren oder Schools innerhalb dieses Rahmens behalten. Ein Corporate Design berührt deshalb weit mehr als Farbe, Typografie oder Layout. Es berührt Selbstverständnisse, Zuständigkeiten und die häufig unausgesprochene Frage, wer den institutionellen Auftritt eigentlich prägt.

Genau deshalb ist ein Marken- oder Designprozess an Hochschulen immer auch ein Stakeholderprozess.

Der häufigste Fehler ist nicht schlechte Gestaltung, sondern ein zu schwach gebauter Prozess

Wenn solche Vorhaben ins Stocken geraten, liegt das erstaunlich selten daran, dass die strategische oder gestalterische Qualität fehlt. Häufiger ist das Problem ein anderes: Der Prozess wurde zu technisch, zu linear oder zu harmonisch gedacht.

Dann wird etwa angenommen, ein gutes Konzept werde sich schon durchsetzen, wenn es nur überzeugend genug ist. Oder man glaubt, man könne zunächst im kleinen Kreis eine saubere Lösung entwickeln und die eigentliche Abstimmung später nachholen. Manchmal wird Beteiligung auch so breit geöffnet, dass am Ende niemand mehr weiß, was eigentlich noch zur Diskussion steht und was längst entschieden werden müsste.

Das Ergebnis ist fast immer ähnlich. Zu viele Grundsatzfragen laufen gleichzeitig. Gestaltung wird kritisiert, obwohl eigentlich Strategie gemeint ist. Einzelne Akteure reagieren auf Entwürfe, verhandeln aber in Wahrheit Freiheitsgrade, Zuständigkeiten oder Sichtbarkeit. Und aus einem Entwicklungsprozess wird schleichend ein Aushandlungsraum ohne klare Dramaturgie.

Gerade in Hochschulen ist es ein Irrtum zu glauben, Stakeholdermanagement beginne erst dann, wenn informiert, kommuniziert oder abgestimmt werden muss

In Wahrheit beginnt es viel früher.

Denn in Marken- und Designprozessen sind Stakeholder nicht einfach Zielgruppen des Prozesses. Sie sind Teil seiner Realität. Hochschulleitung, Kommunikation, Fakultäten, Institute, wissenschaftliche Einrichtungen, Verwaltung, Studiengangsverantwortliche, manchmal auch Studierende oder Alumni: Sie alle schauen mit unterschiedlichen Erwartungen auf dasselbe Vorhaben.

Und diese Erwartungen sind nicht automatisch deckungsgleich.

Die Hochschulleitung wünscht sich häufig einen klareren, konsistenteren Auftritt. Fakultäten und Institute achten stärker auf fachliche Eigenständigkeit und Passung zu ihren Zielgruppen. Kommunikationsabteilungen suchen nach Umsetzbarkeit, Wiedererkennbarkeit und Steuerbarkeit im Alltag. Andere Bereiche fragen sich, wie verbindlich ein neues System sein wird und welche praktischen Konsequenzen es nach sich zieht.

Wer diese Perspektiven zu spät ernst nimmt, bekommt die Diskussion später trotzdem. Nur an einem ungünstigeren Punkt.

Beteiligung ist zentral. Aber Beteiligung allein macht noch keinen guten Prozess.

m Hochschulkontext wird Beteiligung schnell zum Qualitätsversprechen. Und ja, sie ist zentral. Gerade weil Marken- und Designprozesse tief in die institutionelle Wahrnehmung eingreifen, braucht es Einbindung, Spiegelung und Anschlussfähigkeit.

Aber Beteiligung allein erzeugt noch keine Qualität.

Ein guter Prozess bedeutet nicht, dass alle alles mitentscheiden. Er bedeutet, dass die richtigen Perspektiven zur richtigen Zeit in der richtigen Form eingebunden werden. Manche Gruppen müssen früh ihre Bedarfe und Vorbehalte einbringen. Manche sollten strategische Stoßrichtungen spiegeln. Manche brauchen ein echtes Mitgestaltungsformat. Andere wiederum brauchen vor allem Transparenz darüber, was Ziel, Spielraum und Entscheidungsebene des Prozesses sind.

Fehlt diese Unterscheidung, entstehen die typischen Reibungen. Workshops mit zu offenen Erwartungen. Feedbackrunden ohne Entscheidungsreife. Diskussionen, in denen Geschmack, Strategie und institutionelle Politik ungebremst ineinanderlaufen.

Gerade an Hochschulen braucht ein solcher Prozess ein klares Mandat

Ein weiterer Punkt wird in Marken- und Designvorhaben regelmäßig unterschätzt: das Mandat.

Ein Corporate Design, das zentral entwickelt wird, aber später nur Empfehlungscharakter hat, bleibt oft genau das. Eine gut gemeinte Empfehlung. Eine Markenstrategie, die keine erkennbare Rückendeckung der Leitungsebene besitzt, wird vielleicht interessiert gelesen, aber nicht zwingend handlungsleitend.

Das ist kein Detail, sondern eine Schlüsselfrage.

Denn Hochschulmarken entstehen nicht an einem einzigen Touchpoint. Sie entstehen in Studiengangskommunikation, Webauftritten, Fakultätsmaterialien, Drittmittelprojekten, Social Media, Präsentationen, Beschilderung, Kampagnen und Publikationen. Wenn der Prozess nicht so aufgesetzt ist, dass sein Ergebnis später tatsächlich Orientierung und Verbindlichkeit erzeugt, zerfasert die Wirkung schnell wieder.

Dass strategische Entwicklung an Hochschulen nicht einfach nach Standard-Logik funktioniert, sondern institutionelle Besonderheiten und Anschlussfähigkeit berücksichtigen muss, wird auch vom CHE seit Jahren betont.

Die eigentliche Kunst liegt in der Übersetzung

Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied zu Markenprojekten in anderen Organisationen: In Hochschulen reicht es nicht, gute Lösungen zu entwickeln. Man muss sie übersetzen können.

Zwischen Leitungsanspruch und dezentraler Realität. Zwischen Dachmarke und Eigenlogik der Einheiten. Zwischen strategischer Verdichtung und berechtigtem Wunsch nach Differenzierung. Zwischen gestalterischer Qualität und organisatorischer Anwendbarkeit.

Genau an dieser Stelle trennt sich ein gut geführter Prozess von einem bloß sauber moderierten.

Denn Übersetzung heißt nicht Verwässerung. Es heißt, die institutionelle Realität ernst zu nehmen, ohne die strategische Klarheit aufzugeben. Also nicht jede Perspektive einfach zu addieren, sondern aus vielen Perspektiven ein tragfähiges Gesamtbild zu formen.

Externe Partner sind dann am wertvollsten, wenn sie mehr können als entwerfen

Viele Hochschulen holen sich externe Unterstützung, wenn etwas entwickelt werden soll: eine Markenstrategie, ein Corporate Design, ein Websystem, ein Leitbildprozess oder ein neues Wording.

Das ist sinnvoll. Aber der eigentliche Mehrwert liegt oft nicht nur in der strategischen oder kreativen Qualität, sondern in der Fähigkeit, den Prozess belastbar zu bauen.

Externe Begleitung ist gerade dann wertvoll, wenn sie Diskussionen strukturieren, Spannungen früh sichtbar machen, Beteiligungsformate sauber aufsetzen, Zwischenergebnisse verdichten und Entscheidungslogiken transparent machen kann. Also dann, wenn sie nicht nur gestaltet, sondern Prozessführung mitdenkt.

Dass Hochschulen für genau solche Konstellationen eigene Qualifizierungen zu Projekt- und Changemanagement aufbauen, zeigt ziemlich deutlich, wie relevant diese Kompetenz inzwischen geworden ist. CHE beschreibt diese Angebote ausdrücklich als Unterstützung für Personen, die hochschulweite Veränderungsvorhaben planen oder bereits begonnen haben. 

Die Bewährungsprobe liegt nicht im Kick-off und nicht in der Abschlusspräsentation 

Der schwierigste Teil eines Marken- oder Designprozesses ist oft weder der Auftakt noch der finale Pitch. Kritisch wird es meist in der Mitte.

Dann, wenn erste strategische Richtungen sichtbar werden. Wenn klar wird, welche Konsequenzen eine neue Markenlogik für Fakultäten, Institute oder kommunikative Freiheitsgrade haben könnte. Wenn nicht mehr abstrakt über Profil, Schärfung und Wiedererkennbarkeit gesprochen wird, sondern konkret über Regeln, Prioritäten, Zugehörigkeiten und Spielräume.

Genau dort kippen Prozesse, die anfangs noch gut ausgesehen haben.

Nicht, weil das Ziel falsch wäre. Sondern weil die Prozessarchitektur nicht tragfähig genug war, um die unvermeidliche Spannung produktiv zu halten.

Was am Ende zählt

Stakeholder- und Projektmanagement sind in Hochschul-Markten- und Designprozessen keine organisatorische Nebenleistung. Sie sind ein wesentlicher Teil der strategischen Arbeit.

Denn gute Hochschulmarken entstehen nicht allein durch kluge Positionierung oder starkes Design. Sie entstehen dann, wenn ein Prozess so aufgesetzt ist, dass aus unterschiedlichen Perspektiven, Interessen und Identitäten ein Ergebnis werden kann, das strategisch klar und institutionell tragfähig zugleich ist.

Oder anders gesagt: An Hochschulen scheitern Marken- und Designprozesse selten daran, dass niemand eine gute Idee hatte. Sie scheitern dann, wenn aus einer guten Idee kein gemeinsamer Weg wird.

Philipp Zwingel

Der Autor

Kurzbeschreibung

Expertise

Brand Strategy & Management, Brand Development & Innovation, Marketing, Internationalization, Businesss Development, Strategy, Consulting, Supply Chain Management, Procurement, Project Management.

Themenfelder

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Neben gemeinsamen Projekten fördern wir den fachlichen Austausch innerhalb der Branche durch Autorenbeiträge, Einblicke und praxisnahe Inhalte aus unserem Netzwerk. So bilden wir eine unabhängige Plattform für Wissen, Erfahrung und Innovation in der Universitäts- und Hochschulkommunikation.

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