Strategie & Identität
Brauchen Hochschulen 2030 noch eine Website?
Warum die wichtigste Entscheidung eines Website-Relaunchs vor der Ausschreibung fällt, und was das für TYPO3, Redaktionen und Kommunikationsleitungen bedeutet.

Michael Koch
Wer am Anfang eines Hochschul-Relaunchs sitzt, kennt die Fragen. TYPO3 oder ein anderes System? Welche Version, welches Design, welches Budget? Und wie bekommen wir die Inhalte aus fünfzehn Jahren Altauftritt migriert? Das sind berechtigte Fragen. Sie kommen nur zu früh.
Denn die eigentliche Entscheidung liegt eine Ebene tiefer, und sie hat mit CMS, Design und Budget zunächst wenig zu tun. Sie beginnt bei einer Frage, die vor dem nächsten Relaunch fast schon provokativ klingt: Brauchen wir 2030 überhaupt noch eine Website?
Die Studieninteressierte von morgen beginnt ihre Suche womöglich gar nicht mehr auf Ihrer Website. Sie stellt ihre Frage einem Assistenten, der antwortet, statt zu verlinken. Er liest Ihre Inhalte und fasst sie zusammen, ohne dass Ihre Seite je jemand zu Gesicht bekommt. Die Website verschwindet dadurch nicht. Aber sie hört auf, der Ort zu sein, an dem Sichtbarkeit entsteht.
Das ist keine ferne Prognose. Es lässt sich messen. Eine Untersuchung des Pew Research Center hat für den März 2025 das tatsächliche Suchverhalten von 900 Personen ausgewertet: Erschien in den Suchergebnissen eine KI-Zusammenfassung, klickten nur noch 8 Prozent auf ein reguläres Ergebnis. Ohne Zusammenfassung waren es 15 Prozent. Auf einen Link innerhalb der Zusammenfassung selbst klickte gerade einmal 1 Prozent. Suchmaschinen fassen Antworten heute zusammen, statt nur Treffer aufzulisten. KI-Assistenten beantworten Fragen direkt, Chatbots übernehmen die erste Orientierung, und Crawler lesen Hochschulwebsites automatisiert, lange bevor ein Mensch ihre Inhalte aufruft. Wer in dieser Welt gefunden werden will, kann sich nicht mehr nur fragen, wie die nächste Seite aussieht, sondern woraus sie besteht.
Nicht die Seite ist die Information
Ein Studiengang ist zunächst keine Webseite, sondern eine Information: mit Abschluss, Studienbeginn, Fristen, Zulassungsvoraussetzungen, Studienort und Ansprechpartnern. Eine Professorin ist mehr als eine Profilseite. Sie ist eine Person mit Funktionen, Forschungsgebieten, Publikationen und Verbindungen zu anderen Personen und Einrichtungen. Und hinter einer Veranstaltung steht kein Meldungstext, sondern ein Ort, ein Zeitpunkt, ein Thema und eine Zielgruppe.
Was banal klingt, verändert die Logik digitaler Hochschulkommunikation. Dieselbe Information wird morgen an vielen Orten gebraucht: auf der Website, in einer App, in der Hochschulsuche, in einem Forschungsportal oder als Quelle für die Antwort eines KI-Assistenten. Die kleinste Einheit digitaler Hochschulkommunikation ist 2030 damit nicht mehr die Webseite. Es ist die Information.
Sichtbarkeit entscheidet sich in der Struktur dahinter
Damit rückt eine Frage in den Mittelpunkt, die bei Relaunches erstaunlich spät gestellt wird: Woher kommt die Information eigentlich?
Studiengänge und Module liegen im Campus-Management. Personendaten stammen aus anderen Systemen, Forschungsprojekte und Publikationen aus dem Forschungsinformationssystem, Termine womöglich aus einem Veranstaltungskalender. Dazwischen steht das CMS, in dem vieles noch einmal von Hand eingegeben, kopiert, korrigiert und irgendwann vergessen wird.
Wie das konkret aussieht, zeigt sich in Relaunch-Projekten besonders an den Studiengängen. Eine Zulassungsvoraussetzung steht im Campus-Management, auf der zentralen Studiengangsseite, auf der Fakultätsseite und häufig noch in einem PDF. Vier Fundstellen, drei Redaktionen, und im schlechtesten Fall zwei verschiedene Antworten.
Solange Menschen Seiten aufrufen und selbst vergleichen, ist das ärgerlich. Sobald Maschinen Informationen automatisiert lesen, einordnen und zu Antworten verarbeiten, wird es zum strategischen Problem. Eine einzige zentrale Datenquelle braucht deshalb keine Hochschule. Sie braucht Klarheit darüber, welches System für welche Information die verlässliche Quelle ist, und Redaktionen, die diese Quellen nutzen, statt Inhalte abzuschreiben, die anderswo längst besser vorliegen.
Was gerade unter Begriffen wie Generative Engine Optimization, kurz GEO, diskutiert wird, beginnt deshalb nicht bei einem neuen SEO-Trick. Es beginnt bei der Qualität, Struktur und Eindeutigkeit der eigenen Informationen. Und damit auch bei der Rolle des CMS, die sich hier bereits verschiebt: Es muss nicht die Quelle jeder Information sein, sondern die Stelle, an der aus vielen Quellen ein stimmiges digitales Angebot entsteht.
Wenn andere den ersten Eindruck erzeugen
Bislang bestimmt eine Hochschule ihren digitalen Auftritt weitgehend selbst: Startseitenbühne, Navigation, Kampagnenmotiv, Studiengangsseite. Das ändert sich, sobald jemand fragt: „Welche Hochschule in NRW bietet einen berufsbegleitenden Master im Bereich Nachhaltigkeit mit guten Karrierechancen?"
Dann entscheidet keine Hochschulwebsite darüber, welche Häuser überhaupt genannt werden. Ein System durchsucht Informationen, bewertet Quellen und formuliert daraus eine Antwort. Früher konkurrierten Hochschulen darum, in der Trefferliste möglichst weit oben zu stehen. Künftig konkurrieren sie zusätzlich darum, überhaupt Teil der Antwort zu sein.
Ein Teil der Kontrolle über den digitalen ersten Eindruck geht damit verloren. Umso mehr zählt, was die Hochschule kontrollieren kann: die Qualität ihrer eigenen Informationen. Ob sie aktuell und als offizielle Quelle eindeutig erkennbar sind. Ob Menschen und Maschinen nachvollziehen können, dass eine Person zu einem Forschungsprojekt gehört, eine Publikation zu dieser Person und ein Studiengang zu einer Fakultät. Die nächste Generation Hochschulwebsite muss deshalb nicht nur gut aussehen und gut auffindbar sein. Ihre Inhalte müssen für Menschen und Maschinen gleichermaßen eindeutig, aktuell und vertrauenswürdig sein.
Die Website bleibt, aus anderen Gründen
Die Antwort auf die Titelfrage lautet deshalb vermutlich: ja. Aber aus anderen Gründen als heute. Die Website bleibt der Ort institutioneller Souveränität, an dem die Hochschule selbst festlegt, was verbindlich gilt, und an dem Menschen vergleichen, prüfen und handeln. Hier wird aus einer ersten Information eine Bewerbung, eine Forschungskooperation, ein Kontakt.
Gerade weil Google, ChatGPT und andere Plattformen zunehmend den ersten Kontakt übernehmen, verliert die eigene digitale Infrastruktur nicht an Bedeutung. Ihre Aufgabe verschiebt sich: von der Eröffnung jeder digitalen Beziehung hin zur verlässlichen Quelle und zum Ort der Vertiefung.
Compliance beginnt nicht kurz vor dem Go-live
Wer Informationen nicht mehr als Seiten begreift, sondern als dauerhaft gepflegte Ressourcen, muss auch ihre Qualität anders organisieren. Dazu gehört mehr als Aktualität. Dazu gehören Barrierefreiheit, Rechte, Datenschutz und, wo einschlägig, Transparenzpflichten beim Einsatz von KI. Digitale Compliance ist damit keine Abnahmeliste kurz vor dem Launch, sondern eine Eigenschaft guter Informationsgovernance.
Auf einer Hochschulwebsite sammeln sich schnell tausende Dokumente, Bilder und Inhalte, erstellt und hochgeladen von vielen Menschen über viele Jahre. Nachträglich Ordnung hineinzubringen ist teuer und gelingt oft nur noch teilweise. Wie bei den Daten gilt deshalb: Qualität muss im Prozess entstehen, nicht in der Endkontrolle. Barrierefreiheit, Rechte und Verantwortlichkeiten gehören in Workflows und Rollenmodelle, nicht ans Ende der Projektlaufzeit.
Die Entscheidung fällt vor dem Relaunch
Damit ist der eigentliche Grund benannt, warum „Brauchen wir 2030 noch eine Website?" die richtige Ausgangsfrage ist. Beantwortet wird sie weder in der Ausschreibung noch bei der CMS-Auswahl und schon gar nicht beim ersten Designentwurf, sondern dort, wo Hochschulleitungen ohnehin entscheiden müssen: in der Strategie.
Was soll die Hochschule sichtbar machen, und für wen? Es geht dabei längst nicht nur um den Wettbewerb um Studieninteressierte. Hochschulen konkurrieren gleichzeitig um Talente, wissenschaftliche Reputation, Drittmittel und öffentliche Aufmerksamkeit, und jede dieser Sichtbarkeiten funktioniert anders. Eine Wissenschaftlerin auf der Suche nach Kooperationspartnern sucht anders als ein Studieninteressierter, ein Unternehmen anders als ein Journalist, und ein KI-Assistent stellt wiederum eigene Anforderungen an Struktur und Eindeutigkeit der Informationen.
Wer darüber erst nachdenkt, wenn Seitenbaum und Templates bereits stehen, hat unter Umständen viel Geld für die falsche Lösung ausgegeben. Ein Relaunch muss deshalb früher ansetzen. Nicht bei Technik oder Design, sondern bei der Frage, welche digitale Informationsarchitektur die Strategie der Hochschule in den nächsten Jahren tragen soll. Das ist keine Aufgabe für die Marketingabteilung allein, und ebenso wenig für eine reine Technik-Dienstleistung. Sie verlangt eine Verantwortlichkeit, die über die Grenzen von Hochschulkommunikation und IT hinausgeht.
Und TYPO3?
TYPO3 bleibt, aber in einer anderen Rolle. Es muss nicht das Schweizer Taschenmesser sein, in dem jede Information entsteht und jede Aufgabe gelöst wird. In einer größeren Informationsarchitektur muss das CMS nicht mehr alles selbst verwalten: Studiengangsdaten kommen aus dem Campus-Management, Forschungsinformationen aus dem Forschungsinformationssystem, Personendaten aus der dafür vorgesehenen Quelle.
Seine Stärke liegt dort, wo ein CMS stark sein sollte: Informationen redaktionell einordnen, Zusammenhänge herstellen und aus strukturierten Daten gute digitale Angebote machen. Über definierte Schnittstellen kann es dieselben Inhalte an unterschiedliche Ausgabekanäle liefern, an die Website ebenso wie an Portale und Apps, und zunehmend an Systeme, die Inhalte lesen und Antworten erzeugen, ohne je eine klassische Seite anzuzeigen. Wer so plant, nutzt TYPO3 nicht als letzte Website einer alten Ordnung, sondern als redaktionelle Schicht über den eigentlichen Datenquellen.
Die eigentliche Entscheidung fällt deshalb vor dem Relaunch: welche Informationen die Hochschule verlässlich, strukturiert und maschinenlesbar bereithält und welches System dafür jeweils die Quelle ist. Wer das vor der Ausschreibung klärt, kauft anschließend die passende Lösung, statt eine teure für die falsche Frage.
„Die Website verschwindet nicht. Sie hört nur auf, der Ort zu sein, an dem Sichtbarkeit entsteht."
„Die kleinste Einheit digitaler Hochschulkommunikation ist 2030 nicht mehr die Webseite. Es ist die Information."
Quelle der Klickdaten: Pew Research Center, „Google users are less likely to click on links when an AI summary appears in the results", 22. Juli 2025.
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